22.09.07

Ärzte in Deutschland

Von: von Werner Bartens, Süddeutsche Zeitung

Deutsche Ärzte haben sehr wenig Zeit für ihre Patienten - aber sie müssen auch besonders viele Menschen behandeln. Das zeigt ein internationaler Vergleich.

Es klingt nach Überlastung und Fließbandmedizin: Niedergelassene Ärzte in Deutschland sehen im internationalen Vergleich die meisten Patienten pro Woche und haben zugleich die wenigste Zeit für Kranke.

Im Mittel lässt sich ein Arzt in Deutschland nur 7,8 Minuten Zeit für den Patientenkontakt - Mediziner in Großbritannien verbringen mit jedem Patienten immerhin 11,1 Minuten.

In Kanda nehmen sich Ärzte durchschnittlich 16 Minuten, in den USA sogar 19 Minuten für die Kranken. Dies zeigt eine Studie des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), die im Deutschen Ärzteblatt erschienen ist (Bd.38, S.A2584, 2007).

Die Forscher um Peter Sawicki hatten 2006 in Deutschland erfasst, wie Primärärzte - das heißt die ersten Ansprechpartner für Patienten mit akuten Gesundheitsproblemen - Kranke versorgen und ihre Praxis koordinieren.

Zudem wurde erfragt, wie die Ärzte das Gesundheitswesen einschätzen und ob sie mit ihrer beruflichen Situation zufrieden sind. Das IQWIG koordinierte die Medizinerbefragung in Deutschland. Die gleiche Erhebung fand auch in Großbritannien, den Niederlanden, den USA, Kanada, Australien und Neuseeland statt.

Ein Grund für den Zeitmangel vieler deutscher Ärzte besteht anscheinend darin, dass Mediziner hierzulande durchschnittlich 243 Patientenkontakte pro Woche haben - deutlich mehr als die Ärzte in allen Vergleichsländern. In den USA sind es nur 102 wöchentliche Patientenkontakte, in Großbritannien 154, in den übrigen Nationen zwischen 112 und 141 Patientenkontakte pro Woche.

"Wie viele Patienten hinter diesen Kontakten stecken, ist ungewiss", sagt Klaus Koch, der Erstautor der Studie. Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass die Deutschen öfter als jede andere Nation zum Arzt gehen. Im Durchschnitt sucht jeder Bundesbürger 16-mal im Jahr den Doktor auf - die Norweger kommen auf drei Arztbesuche jährlich.

"Ob diese häufigen Arztbesuche eher von den Ärzten oder den Patienten ausgehen und überhaupt alle medizinisch begründet sind, wissen wir allerdings nicht", sagt Koch.

 

Überzeugt von sich selbst

Auffällig an den Ergebnissen der IQWIG-Studie ist die Diskrepanz zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Ärzte, denn im Vergleich mit den sechs anderen Industrieländern sind Mediziner nirgendwo sonst so unzufrieden mit ihrem Gesundheitswesen wie in Deutschland.

Die hohe Meinung, die Ärzte hierzulande von sich selbst und der Qualität ihrer Arbeit haben, beeinflusst dies jedoch nicht: Die Untersuchung ergab, dass sich Ärzte in Deutschland für besser vorbereitet auf die Nöte und Bedürfnisse ihrer Patienten hielten als ihre Kollegen in den anderen Nationen.

Dies führt zu dem Paradox, dass Ärzte wie Patienten zwar von guten Erfahrungen berichten und die Qualität des deutschen Gesundheitswesens im internationalen Vergleich als gut bis sehr gut einschätzen - gleichzeitig fordern beide Seiten aber fundamentale Änderungen. So waren 42 Prozent der Ärzte in Deutschland der Ansicht, dass im Gesundheitswesen so viel verkehrt läuft, dass es komplett reformiert werden müsste.

 

Große Unzufriedenheit unter Ärzten

Auch die Einschätzung, dass sich die Bedingungen im Gesundheitswesen in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert haben, teilen mit 83 Prozent in Deutschland so viele Ärzte wie in keinem anderen Land. Strategische Antworten der Ärzte und die starke Kritik an der Gesundheitsreform könnten Gründe für diese Ergebnisse sein, vermuten die Autoren. Große Unzufriedenheit unter den Ärzten ergab auch eine aktuelle Umfrage im Auftrag des Marburger Bundes. 47 Prozent der befragten Klinikärzte stuften ihre Arbeitsbedingungen als schlecht oder sehr schlecht ein. 53 Prozent erwogen sogar, ihre Tätigkeit im Krankenhaus aufzugeben, 31 Prozent würden den Arztberuf kein zweites Mal ergreifen. Arbeitsüberlastung, Personalmangel und zu viel Bürokratie stören die Krankenhausärzte demnach am meisten. Das habe, so Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft, "den Arztberuf vom Traumjob zum Jobtrauma werden lassen".

 

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